Schrift

Das geistliche Wort


Ich mag's zu Weihnachten gemütlich. Und Sie? Nun passen Weihnachten und eine Flucht eigentlich nicht zusammen. Genau das berichtet aber der Evangelist Matthäus und erleben immer noch Millionen Menschen heute. Herodes will das gerade geborene Kind beseitigen. Von Anfang an will man Jesus nicht kennenlernen, sondern los werden. Unverkennbar fällt gleich zu Beginn der Schatten des Todes auf das Leben Jesu. So fliehen die Eltern mit dem Jesuskind nach Ägypten. Fromme Legenden haben diese Flucht ausgeschmückt. Lebendig sind sie noch heute bei den koptischen Christen Ägyptens. Das Evangelium freilich vermerkt nur den Sachverhalt. Aber der hat es in sich. Von wegen weihnachtliche Idylle. Von wegen "stille Nacht". Die große Liebeserklärung Gottes, die sich in dem Kind in der Krippe zeigt, stößt auf bittere Ablehnung. Bis heute.

Und wir müssen wahrnehmen: Weihnachten ist keine Insel, auf die man sich aus einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, zurückziehen kann. Weihnachten ist keine Nische, aus der man alles außen vor lassen kann, was einem das Herz schwer macht. Weihnachten wird es mitten drin, mitten drin in unserer Welt, mitten drin in Ihrem Leben. Unglaublich. Wir werden auch in diesem Jahr Weihnachten feiern, weil Gott eingekehrt ist in unsere zerrissene Welt. Gott macht sich klein. Er kommt in Jesus, dem von Anfang an gefährdeten, verfolgten Kind, unter uns Menschen. Faszinierend, was?

Alle Religionen dieser Welt wollen Gott vor allem eines attestieren: Größe. Luther rät: "Wir sollen Gott in den Windeln suchen, in die er sich gelegt hat". Der allmächtige Gott macht sich klein, um unser Leben zu teilen. Es ist vielleicht die verrückteste Liebeserklärung, die die Welt je gehört hat, die im Schreien eines neugeborenen Kindes laut wird.

So erklärt uns Gott seine Liebe. Nicht nur Erfolge und Stärke, Geld und Macht geben Menschen Identität. Das Geheimnis der Heiligen Nacht erlaubt uns, gerade unsere Schwächen und Misserfolge zu bejahen. Nicht nur Gesundheit und strotzendes Selbstbewusstsein ist etwas wert. Das Geheimnis der Geburt Jesu erlaubt uns, gerade unsere Grenzen und manches Leid anzunehmen. Nicht nur Ellenbogen und Waffengerassel werden siegen. Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes erlaubt uns in Krippe und Kreuz den Sieg Gottes über Tod und Teufel Glauben zu schenken.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch eine gesegnete Adventzeit und gute Vorbereitungen auf das bevorstehende Weihnachtsfest,
Ihr Pfarrer Hartmut Stief