Schrift

Das geistliche Wort


Ein Lob dem Kompromiss

Der Kompromiss ist in Verruf geraten. Wenn politische Parteien einen solchen präsentieren, wird er schnell als „fauler Kompromiss“ verdächtigt, bei dem es eigentlich nur um die Verteilung von Posten gegangen sei. Oder man sucht nach einem Verlierer, dem man Wählertäuschung, Profillosigkeit und Schwäche vorhalten kann. Deshalb suchen viele politische Akteure ihr Heil in Kompromisslosigkeit. Denn damit kann man das eigene Profil stärken sowie Prinzipientreue und Standhaftigkeit vorzeigen.

Auch Gott ist kompromisslos. Und auch bei ihm ist es ein Zeichen seiner Stärke. Allerdings geht es bei der Kompromisslosigkeit Gottes nicht darum, irgendwie als Sieger oder Rechthaber dazustehen. Sondern Gott ist kompromisslos in der Liebe – in seiner Liebe zu den Menschen. Liebe bedeutet ja, sich dem anderen ganz hingeben und für ihn da zu sein. Und Gott scheut in seiner kompromisslosen Liebe nicht einmal den Tod: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat“ (Joh 3,16).

Als Menschen sollen wir uns an der Kompromisslosigkeit Gottes in der Liebe ein Beispiel nehmen. Und das heißt nichts anderes, als auf andere Menschen zuzugehen. Es heißt, nicht allein die eigene Interessen durchsetzen wollen, sondern vor allem auch andere berücksichtigen. Lieben heißt kompromissbreit sein zu sein – ohne Angst vor anderen als Verlierer oder Lügner dazustehen, weil man etwas von sich aufgegeben hat. In diesem Licht ist der Kompromiss ein Zeichen nicht von Schwäche, sondern von Stärke.

Pfarrer Hans-Jörg Rummel, Ev.-Luth. St.-Johannis-Kirchgemeinde Plauen