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Das geistliche Wort


Aus dem Rennen genommen

Unser modernes Leben ist wie eine Rallye. Jeder Mensch hat in seinem Leben verschiedene Etappen zu absolvieren - mit höherem oder niedrigerem Schwierigkeitsgrad. Es kommt darauf an möglichst schnell zu sein, um auf einem der vorderen Plätze zu landen und den entsprechenden Ruhm zu ernten. Kaum jemand kann sich diesem Rennen entziehen. Und das, obwohl die Chancen sehr ungerecht verteilt sind. Viele sind gewissermaßen mit einem Mittelklassewagen unterwegs. Andere können einen Gelände- oder Sportwagen lenken. Aber es gibt auch welche, die müssen sich mit einem Fahrrad begnügen oder können den Wettkampf gar nur zu Fuß absolvieren. In jedem Falle bedeutet diese Art Leben Stress. Und natürlich bleiben auf der langen Lebensstrecke Pannen und Unfälle nicht aus. Das wirft einen in der Rangliste natürlich zurück.

Ich möchte dazu einladen, solche Ereignisse nicht als Katastrophe zu erleben, sondern als Chance. Wenn ich mal für eine Zeit aus dem Rennen des Lebens genommen bin, finde ich vielleicht Zeit, über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken: Ist mir mein Platz auf der Rangliste der Welt wirklich so wichtig? Ist es nicht wichtiger, Menschen zu haben, die mich lieben und die ich lieben darf? Diese Menschen fragen nicht nach meinem Platz in der Rangliste; sie mögen mich, einfach weil ich da bin. Genau so ist ja übrigens auch Gott. Er fragt nicht danach, welchen Flitzer ich mir leisten kann. Er liebt mich, einfach weil ich da bin. Und ist nicht seine Liebe das Wichtigste für mein Leben? „Denn bei ihm ist die Quelle des Lebens, und in seinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Ps 36,10) In der Hektik einer Rallye würde ich an dieser Quelle womöglich achtlos vorüber rasen. Deshalb lasse ich mich bereitwillig auch mal aus dem Rennen nehmen.

Pfarrer Hans-Jörg Rummel, St.-Johannis-Kirchgemeinde